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    Die Energiepolitik der Schweiz
    Energiewende abwenden!
30 Sep 2014

Nachbarn

Die Deutschen wollen es wissen. Die zuständige Staatssekretärin im Bundesumweltministerium fragt: „Wann schaltet ihr Schweizer endlich eure AKWs ab?“

Wir hätten da unsererseits einige Fragen an die Deutschen.

Also, ganz so brutal hat es Frau Schwarzelühr-Sutter nicht gesagt. Sie hat „Klarheit gefordert“ oder „um Informationen zu den Abschaltdaten der schweizerischen Atomkraftwerke gebeten“. Je nach dem, welchen Teil der Verlautbarung aus dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie vom 19. 9. 2014 man gerade vor den Augen hat.

Es ist nicht bekannt, was ihr Gesprächspartner, der Generalsekretär des Departements Leuthard, Walter Thurnherr darauf geantwortet hat. Es ist zu hoffen, dass er mindestens zwei Dinge klargestellt hat:

1. Wann die schweizerischen Kernkraftwerke abgestellt werden, wird durch schweizerische Gesetze und Verfahren geregelt. Die halten zur Zeit fest, dass das Eidgenössische Nuklear-Sicherheitsinspektorat (ENSI) entscheidet, wann ein Kernkraftwerk aus Sicherheitsgründen abgestellt wird. Ausländische Regierungen werden zu gegebener Zeit informiert.

2. Die für diese Frage zuständigen Gremien – unser Parlament und vielleicht das schweizerische Stimmvolk sind daran, zu prüfen, ob es Gründe für eine vorzeitige Abschaltung gibt.

Er hätte aber auch zurückfragen müssen. Neben hypothetischen Gefahren aus der Schweiz drohen nämlich reale und handfeste Gefahren aus Deutschland.

Die deutsche Bundesnetzagentur ist der Verzweiflung nahe. Sie muss immer wieder über Gesuche zur Stilllegung von unrentablen Kraftwerken entscheiden – und muss sie ablehnen.

Worum geht es? Wenn die Solarzellen und Windturbinen mal Strom liefern, müssen die konventionellen Kraftwerke zurückgefahren werden. Das heisst, die Kraftwerksbetreiber müssen Aufwand betreiben, um weniger zu produzieren, also weniger zu verdienen. Damit bricht die Ertragsgrundlage weg. Das Unternehmen verliert Geld. Es möchte das Werk stilllegen, um den Geldabfluss zu stoppen. Aber es darf nicht. Weil es systemrelevant ist. Das heisst, es muss für die immer wieder ausfallenden Stromquellen aus Wind und Sonne einspringen, um die Stromversorgung sicherzustellen.

In Süddeutschland fehlt es nämlich jetzt schon an Strom. Die AKWs sind ja abgestellt. Es droht die „Dämmerflaute“.

Die Leute an den Schaltstellen des Netzes stehen zunehmend unter Druck. Für sie war es früher eine Ausnahmesituation, wenn ein „Re-dispatch“ vorgenommen werden musste, das heisst, wenn die geplanten Verbindungen kurzfristig umgestellt werden mussten, weil sonst ein Zusammenbruch drohte. Das passierte vielleicht 3 bis 5 mal im Jahr.

Im Jahr 2010 waren solche Noteingriffe schon fast 1'000 mal nötig. 2014 dürften es 3'500 sein. Das Jahr hat 8760 Stunden. Das heisst, alle 2 bis 3 Stunden muss das Netz notfallmässig vor dem Zusammenbruch gerettet werden. Allerdings sind diese kritischen Situationen nicht gleichmässig verteilt. Es gibt Tage, an denen muss ununterbrochen „re-dispatched“ werden. Wann wird es mal nicht gelingen?

Warum interessiert uns das? Weil unser Stromnetz mit dem deutschen Netz verbunden ist und weil die beiden Netze zusammenarbeiten. Blackout in Süddeutschland bedeutet Blackout in der Schweiz.

Wir hoffen, dass Herr Thurnherr zurückgefragt hat: „Frau Staatssekretärin, wann ist ihr Stromnetz wieder sicher und zuverlässig, wenn selbst der bayrische Ministerpräsident keine neuen Leitungen will?“

Oder er hätte die Frage von Frau Schwarzelühr-Sutter so beantworten können: „Wir können unsere AKWs nicht abstellen, bevor Sie Ihr Netz stabilisieren.“ Aber das hätte wohl seiner Chefin nicht gefallen.

***

Jetzt etwas ganz anderes: es gibt auch gute Nachrichten aus dem Departement Leuthard und die wollen wir unseren treuen Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten:

Der neue Dienstwagen der Departementsvorsteherin ist ein Tesla S – eine vollelektrische Limousine!

Das Kaltduschenmitdoris-Team fährt seit 5 Jahren Tesla. Gute Ideen setzen sich manchmal erst mit 5-jähriger Verspätung durch. Ein Hoffnungsschimmer?

Quellen:

• Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Nr. 170/14, Berlin 19.9.2014

http://www.science-skeptical.de/energieerzeugung/erneuerbare-energien/im-winter-droht-die-dunkelflaute-wie-erneuerbare-energien-unser-stromnetz-ueberlasten/0012661/ (zuletzt aufgerufen 30.9.2014)

• Bundesnetzagentur: "Systemrelevante Kraftwerke", 14.8.2014, "Bescheid im Verfahren der Transnet BW GmbH vom 23.6.2014"

• NZZ am Sonntag, 21.9.2014 Beilage "Energiezukunft", Seite 9 "Bürger kämpfen gegen 'Monstertrassee'"

• Bild: Aargauer Zeitung 15. 6 2014

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