• KaltDuschenMitDoris.ch
    Die Energiepolitik der Schweiz
    Energiewende abwenden!
03 Mai 2014

Es dämmert

Aus Deutschland vernimmt man Widersprüchliches:

Da heisst es von den Gegnern der Energiewende (also auch von uns) Strom aus Photovoltaik sei viel zu teuer, andererseits klagen die Kraftwerkgesellschaften, der Markt werde von billigem Solarstrom überschwemmt.

Da klagen die Hausfrauen, sie können die Stromrechnungen bald nicht mehr bezahlen, andererseits heisst es, bei so tiefen Strompreisen lohne sich keine Investition in neue Kraftwerke.

Was stimmt jetzt?

Es stimmt alles! Die Konfusion kommt daher, dass man von verschiedenen Dingen spricht. Produktionskosten, Grosshandelspreise, Spotpreise und Konsumentenpreise sind ganz unterschiedliche Dinge. Betrachten wir eins nach dem anderen:

Produktionskosten: Wir haben sie schon unter „Kopfrechnen“ kurz angesprochen. Hier nochmals: ein Quadratmeter Solarzellen leistet im Jahresdurchschnitt etwa 10 Watt. Das Jahr hat 8'760 Stunden, gibt also 87,6 kWh pro Jahr. Wenn die Zellen 25 Jahre lang Strom liefern ergibt das eine Produktion von total 2190 kWh. Was kostet es, diese Kilowattstunden zu produzieren? Die Investitionskosten belaufen sich gemäss Stefan Hirschberg vom Paul Scherrer Institut auf 500 bis 800 Franken. Nehmen wir, um den Solarstrom zu bevorzugen, 500 Fr. an. Verteilt auf 2'190 kWh macht das 22,8 Rappen als Minimum. Dazu kommen dann noch die Kapitalzinsen, die Kosten für die Umwandlung in 240 Volt Wechselstrom sowie die Kosten für den Betrieb und den Unterhalt. Damit kostet die kWh Strom aus Photovoltaik locker 30 Rappen. Bezahlt werden diese Kosten durch die „kostendeckende Einspeisevergütung“.

Woher kommt denn der „billige Solarstrom“? Jetzt reden wir eben nicht mehr von Kosten, sondern von Preisen und die richten sich nach Angebot und Nachfrage. Die Stromversorger müssen den Strom, den sie ihren Kunden liefern, irgendwo beschaffen. Dazu gibt es eine Strombörse. Da tauschen Produzenten und Versorger und diese untereinander ihren momentanen Bedarf oder Überschuss aus. Die Preise werden praktisch im Minutentakt ausgehandelt (darum „Spotpreise“) denn Strom ist bekanntlich nicht speicherbar. In Deutschland hat man photovoltaische Produktionsanlagen in grossen Mengen zugebaut. Ende 2012 stand eine Leistung von 32 Gigawatt (Millionen kW) zur Verfügung. „Zur Verfügung“ ist allerdings eine gewagte Aussage. Meistens steht die Leistung eben nicht zur Verfügung. Nicht nachts, nicht bei bedecktem Himmel, den ganzen Winter lang allenfalls nur teilweise. An einem schönen Sommernachmittag allerdings schon, da steht sie zur Verfügung und sie produziert gewaltige Mengen Strom: Soviel wie 30 grosse Kernkraftwerke.

Die Versorger sind gesetzlich verpflichtet, ihn abzunehmen und damit haben sie ein Problem: sie wissen nicht, wohin damit. Das Angebot steigt ins Unermessliche, die Nachfrage bleibt sommertypisch schwach und damit rasselt der Preis in den Keller! Im Jahr 2013 war der Strompreis an der Strombörse während insgesamt 61 Stunden negativ! Das heisst, die Versorger mussten dafür bezahlen, dass ihnen jemand den Strom abnahm. Diese Stromschwemme fällt genau dann an, wenn die Betreiber unserer Pumpspeicherwerke früher ihre Turbinen profitabel laufen lassen konnten. Tempi passati!

Und wie ist das mit den Stromrechnungen? Nun, weil da kein Markt herrscht, ist das, was der Konsument bezahlt, nicht wirklich ein Preis, sondern ein Tarif. Er ist zum Teil politisch festgelegt: er besteht aus einem durchschnittlichen Strompreis plus einer angemessene Marge plus – und da kommt die Politik massiv ins Spiel – einer Abgabe zur Finanzierung der überteuerten Kosten der Erneuerbaren. Diese kommen ja in den Genuss der „kostendeckenden Einspeisevergütung“.

So hat staatliche Intervention, haben Vorschriften und Subventionen ein funktionierendes Versorgungssystem aus dem Gleichgewicht gebracht und sind daran, es zu zerstören. Warum? Angeblich wegen dem Klima. In Wirklichkeit, weil man die böse Kernenergie los werden will. Betrachten wir diese zwei Kuchen:

Rechts sind die installierten Leistungen gezeigt, links die durch die verschiedenen Methoden produzierten Kilowattstunden. Die Kernkraftwerke verfügen über 7% der Kapazität, aber produzieren 17% der Energie. Solar- und Windanlagen dagegen tun sich mit einem Drittel der gesamten Kapazität hervor, produzieren aber gerade mal 12% der Energie. Bemerkenswert: fast die Hälfte des deutschen Stroms stammt aus Kohle. Tendenz zunehmend. Klimaschutz?

Es kommt noch dicker: bis jetzt zahlten nur die Haushaltungen und das Kleingewerbe die „erneuerbare Energie Umlage“. Die Industrie war ausgenommen. Jetzt will die EU das stoppen: das sei eine indirekte Subventionierung und darum in der EU verboten! Mal sehen wie das weiter geht.

Vielleicht dämmert es ja langsam auch den Verantwortlichen. Jedenfalls hört man Hoffnungsvolles. Am 16. März sagte Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel vor der Belegschaft der Firma SMA Solar Technology AG in Kassel:

„Die Wahrheit ist, dass die Energiewende kurz vor dem Scheitern steht.“

„Die Wahrheit ist, dass wir auf allen Feldern die Komplexität der Energiewende unterschätzt haben.“

Er sagte noch einiges, was man noch vor wenigen Monaten nicht im Traum zu hoffen wagte. Es dämmert in deutschen Köpfen.

http://www.1730live.de/sigmar-gabriel-nimmt-in-kassel-stellung-zur-energiewende/

Und in der Schweiz?

Da hat die zuständige Kommission des Nationalrats eben beschlossen, den KEV-Zuschlag auf dem Strompreis massiv zu erhöhen (NZZ, 2. Mai 2014). Es herrscht noch tiefe Finsternis.

 

Kommentare

  • @Rolf Stocker: ja, das ist ein Rundungsfehler.

    Zu Strom speichern: (Sie haben natürlich recht, die Absicht ist, elektrische Energie zu speichern; "Strom" ist umgangssprachlich – tschuldigung). Man kann elektrische Energie nur in Kondensatoren speichern, ohne sie in eine andere Energieform umzuwandeln: mein Tesla fährt mit chemischer Energie, welche im Akku in elektrische Energie umgewandelt wird, wenn ich sie benötige. Pumpspeicherwerke speichern potentielle Energie, Druckluftspeicher potentielle Energie und Wärme. Bei der Umwandlung entstehen in jedem Fall Verluste. Das ist das Hauptproblem. Siehe auch "Strom Speichern".

    gepostet von Simon Aegerter April 04, 2015
  • Und noch (pingelige) Korrigenda: Wenn ich die Zahlen für Solar und Wind in der Grafik addiere, komme ich auf 13%, nicht auf 12%. Oder ist das eine Rundungsdifferenz?

    gepostet von Rolf Stocker April 01, 2015
  • "...denn Strom ist bekanntlich nicht speicherbar". Aha. Ist er nicht? Mit was fährt denn ein Tesla herum? Oder ein BMW i3? Und mit was funktioniert meine Taschenlampe?

    Sie haben recht, wenn Sie sagen, dass Strom in grossen Mengen nur schwer (aber nicht unmöglich) speicherbar ist. Muss er auch nicht. Denn gespeichert werden muss Energie! Nun, daran wurde und wird gearbeitet. Dezentrale Speicherung, Druckluft, Speicherseen (die heissen sogar so), weiteres ist schon verfügbar und vor allem wird weiteres in immer besseren Systemen kommen.

    gepostet von Rolf Stocker April 01, 2015
  • Die Sonne scheint leider nicht dann, wenn wir Strom brauchen. Auch der Wind weht wenn es im passt und nicht wenn wir Strom brauchen. Im ganzen Netzverbund muss aber immer genau soviel Energie vorhanden sein, wie gerade benötigt wird. Der überschüssige Strom aus Sonne und Wind muss also gespeichert werden. Dazu bieten sich vor allem die Pumpspeicherkraftwerke an. Diese sind aber dank den Fördermassnahmen nicht mehr kostendeckend.Und in der freien Wirtschaft wird nichts betrieben, das nicht eine Rendite verspricht. So haben wir leider zu wenig Speicherkapzität und können die Basisleistung im Stromnetz nicht sicher zur Verfügung stellen.

    gepostet von Fastedi Juli 01, 2014
  • und irgendwann muss ja der Solarschrott auch als SONDERMÜLL* entsorgt werden. Da man keine Erfahrungswerte hat, kann das noch nicht in die Kalkulation des Strompreises einbezogen werden.

    * Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an den Artikel "die Schattenseiten des Sonnenstroms" aus der Weltwoche Nr. 15.12

    gepostet von Neuhaus Mai 05, 2014
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